Bedrohlicher Baugrund in der Vorsorge
Impressum: André Kohler, Mitglied der Geschäftsleitung der B+B Vorsorge AG, 8800 Thalwil, 11. Mai 2009
Nichts gefährdet eine Baute mehr als ein falsch beurteilter Baugrund oder Mängel tragender Elemente. Nirgends lässt sich Pfusch besser kaschieren, schliesslich steht alles andere drauf. Das Ineinandergreifen der hier angesprochenen Grundlagenmängel der 2. Säule ist die tragische Ursache einer kontinuierlichen Leistungserosion, deren neustes, aber nicht letztes Kapitel der Aderlass der GF-Rentner ist.
Als Allegorie eignet sich das stetige Absinken der Stadt Venedig. Die Rettungsmöglichkeiten bei der Vorsorge wären ungleich besser. Die Rettungschancen sind es leider nicht, solange das Interesse an der Zementierung der Missstände jenes an ehrlicher, informierter Einsicht und Abhilfe übersteigt.
Annahmen
Annahmen zeigen das Realitätsverständnis, welches hinter spezifischen Sachverhalten steht. Sie sind die Fundamente jeglicher Argumentation, ihre Veränderung verändert auch die Bedeutung darauf bezogener Aussagen, sogar wenn deren Wortlaut derselbe bleibt. Aus «falsch» kann so «richtig» werden und umgekehrt.
Missachtung von Richtigkeit und Relevanz
Für sinnvolle Annahmen muss die Realität richtig erkannt werden und relevant sein.
Eine falsch erkannte Realität ist z.B. die Annahme stabiler Korrelationen zwischen Anlageklassen. Die darauf basierende Schwankungseigenschaft von Anlagen ist zudem für die Erreichung des Vorsorgezweckes regelmässig irrelevant.
Wird eine widerspruchsfreie Kette aus Annahmen und Argumenten autoritär genug vorgetragen, gehen wir bereitwillig und ohne Überprüfung vom Zutreffen der Annahmen aus. Dieses verhaltensbiologisch begründete Phänomen ist sowohl für die Entstehung wie auch den Fortbestand der hier besprochenen Missstände massgebend.
Art. 1 BVG: Fehler im Stellwerk
Die Norm ordnet «Alter», «Tod» und «Invalidität» als typengleiche «Versicherungsfälle» und das Alterssparen somit als Versicherungsprodukt ein. Tatsächlich ist dieses aber ein flankierend vor den Auswirkungen der klassischen Versicherungsfälle «Tod» und «Invalidität» geschützter Kapitalbildungsprozess. Das gesamte Vorsorgesystem wird durch diese Weichenstellung entscheidend geprägt. Destinatäre, die mit Vollversicherungsprodukten leben müssen, erhalten eine nicht benötigte, schwach transparente Schwankungsarmut ihres Anlagekapitals, welche sie teuer mit einer anämischen Kapitalrendite bezahlen.
Risikokonzeption: Unfallort «Effizienzkurve»
Der Nobelpreis war das Gütesiegel, welches die ungestörte, globale Positionierung der Modern Portfolio Theory (MPT) als Gral der Risikosteuerungmethodik ermöglichte. Eine perfekte Konstellation unter Missachtung von Richtigkeit und Relevanz (siehe oben).
Obwohl, wie im Artikel «Prognosemodelle auf dem Prüfstand» dargelegt, die irrtümlichen Annahmen der MPT klar sind, erfolgt die Verwendung ihrer Konzepte mangels Alternativen weiterhin flächendeckend. Für die nahezu 700 Mia. Franken der 2. Säule wird, wie in «Sicherheitsstandard DG 100» aufgezeigt, das Risiko noch immer in einer stichtagsbezogenen, methodisch fragwürdig ermittelten Schwankungstoleranz geortet.
Diese Kombination von unrichtig erkannter, irrelevanter Risiko-Realität verhindert eine langfristig optimale Investition von Destinatärskapital in geeigneten Anlageklassen, was in unserem Beitrag «Sanierungsfall Pensionskasse» nachzulesen ist.
Falsch abgekupferte Organisationsprinzipien
Ohne die MPT wäre die industrielle Bearbeitung der globalen Kapitalmilliarden («Markowitzsche Masse») unmöglich. Die Verkennung der Realiät besteht darin, detaillierte, replizierbare Prozesse, Arbeitsteilung, Spezialisierung, Erzielung von Skaleneffekten und Ähnlichem unbesehen aus den Fabrikhallen auf die hier relevanten Umstände zu übertragen.
Finanzmarkterträge wie auch Verpflichtungen sind jedoch keine Konsum- oder Investitionsgüter, sondern die Kristallisation sozialer Vorgänge. Kein Wunder, gelingt es den Befürwortern industrieller Organisationsprinzipien im Vorsorgewesen nicht, die desintegriert mehr schlecht als recht erstellten Teilleistungen zu einem werthaltigen Ganzen zusammenzufügen.
Vorsicht als Vorwand
Dass in den paritätsch gebildeten Stiftungsräten auch Laien sitzen, ist so bekannt wie die geltende Auffassung, dass das Milizprinzip ideal sei. Fachliche Laien mit beschränktem Zeitbudget tragen also die oberste Verantwortung für die Umsetzung der zweiten Säule. Was diese Konstellation impliziert, ist in unseren Artikeln «Teure treue Hände» und «Brennpunkt Risikomanagement» nachzulesen.
Verunsicherung bis hin zur Angststarre ist die Folge, wenn sich solche Teams den hier angesprochenen Problemen stellen müssen. Sie werden mit einer immer penetranteren Betonung der Eigenverantwortlichkeit und einer in Regulation und Auslegung omnipräsenten Aufforderung zum vorsichtigen Abwägen unter Druck gesetzt. Die in tendenziöser Interpretation zum hiesigen Massstab treuhänderischer Pflichterfüllung erhobene, angelsächsische Uniform Prudent Investor Act (UPIA) passt in dieses Bild.
Fazit
Unsicherheit angesichts methodisch und professionell korrekt ermittelter Einsichten hält wach und fördert die Kreativität. Mit angstgesteuerter Wertschwankungsaversion hat dieser Zustand allerdings nichts zu tun. Die Differenz zwischen den beiden beruht auf der Beherrschung der Grundlagen.
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