Mit neuem Kostenschub die Kosten senken?
Eine Replik zur Kolumne "Zweite Säule: Vertrauen bauen!" von Rudolf Strahm. Erschienen im Tages Anzeiger vom 1. März 2011.
Impressum: Autor ist Herbert Brändli, B+B Vorsorge AG.
Unter dem Motto "Vertrauen ist nie gratis" befürwortet der Ex-Preisüberwacher Rudolf Strahm einen zusätzlichen Kostenschub in der 2. Säule. Er will noch mehr Regulierungen, um Vertrauen zu bauen, welches seit Einführung des BVG konsequent und zunehmend weg reguliert wurde.
Argumentiert wird mit der Abstimmungsschlappe des Bundesrats vom März 2010, als das Volk mit überwältigendem Mehr seinen Unwillen gegen die ihm verordneten Zins- und Lebenserwartungen kund getan hat, die zu einem drastischen Leistungsabbau führten. Daraus den Auftrag nach noch mehr Regulierung abzuleiten, ist mehr als kühn und beweist den Totalverlust des Überblicks.
Verwaltungs-, Sicherheits- und Kontrollkosten waren bis 1985 in der bis dahin freiwilligen, freiheitlich organisierten und prosperierenden betrieblichen Altersvorsorge minimal und wurden zudem oft vollständig von den Stifterfirmen getragen. Das hat sich erst mit dem BVG abrupt verändert. Prognosen zu den Kosten kamen unter Druck und werden das im Sinne von mehr Wettbewerb hoffentlich auch bleiben. Der damit ausgelösten, typischen aber verfehlten Kostendiskussion geht auch Strahm auf den Leim, schlägt den Sack und meint den Esel.
In der Vermögensverwaltung fallen versteckte Kosten bei Mandatslösungen sowie Anlageprodukten an, die Strahm nach seiner persönlichen, dilettantischen Einschätzung teils verbieten und teils verbindlich festschreiben will. Er ignoriert, dass die ausgewiesenen Total Expense Ratios (TER) auch bei seinen Anlagefavoriten nicht vollständig und entsprechend nutzlos sind. Statt Spekulation und Vorsorge polemisch gegensätzlich und negativ zu untermalen, würde die Erkenntnis, dass Kapitalanlagen ausnahmslos spekulativ sind, der Sache mehr dienen.
Wie üblich, macht Strahm keinen Unterschied zwischen echten Umsetzungskosten und nicht deklarierten Retrozessionen (Kickbacks), der typischen Form von Schmiergeldzahlungen. Diese trotz Verdikt des Bundesgerichts von der Bankenlobby gepflegte Sonderform des Schmierens ist fraglos ein Skandal. Solange die Kickbackpraxis von der Bankenaufsicht toleriert wird, kämpfen Pensionskassen vergeblich dagegen an. Sie polemisch zu instrumentalisieren, dient nicht der Transparenz, vergiftet das Klima, und schadet dem Vertrauen. Mit dem Ruf nach dem Regulator macht Strahm den ärgsten Bock zum Gärtner.
Als nächstes wird das Thema Interessenkonflikt hochgekocht, überall vermutet und allen Akteuren bösartig unterstellt. Zur Verstärkung müssen die wenigen, überführten Bösen und Kriminellen herhalten. Das an sich berechtigte Anliegen wird mit dem Rezept "bessere Governance" bedient, wobei diese – dank völliger Freiheit von jeglichem Sachverstand – als hilfreiches Mehr von der wirkungslosen Überregulierung und Aufpasserorganisation verstanden wird, welche bereits die vergangenen Schäden nicht verhindern konnte. Die leckende Wertschöpfungskette wird damit ganz zerstört und ein neuer happiger Kostenblock geschaffen, dessen grösster Teil im versteckten Kollateralschaden der neu verordneten Massnahmen liegt.
Es trifft zwar zu, dass sich jeder eingesparte Basispunkt über die Zeit rechnet, aber nur dann, wenn die damit verbundene Übung nicht prozentweise Schaden anrichtet. Hier sind wir bei den Kosten angelangt, die von Belang sind und wirklich ins Tuch gehen, um die sich die Diskussion aber niemals dreht. Die beschriebene Kostendiskussion handelt von einem vergleichsweise läppischen Effekt. Was in der 2. Säule wirklich kostet wurde ihr mit dem BVG verordnet:
- eine falsche Risikokonzeption, welche die volle Nutzung der Ertragskraft von Kapitalanlagen verhindert
- ein falsches Verständnis der Wertschöpfung von Anlageklassen und ihre Verwechslung mit teuren, schädlichen Verpackungen (Hedge Funds, Alternative, Strukturierte etc.)
- Umsetzung der Anlagen durch bauchgesteuerte, fachlich unbelastete und teils wider besseres Wissen handelnde Verantwortungsträger, die sich gezwungenermassen hinter sogenannter Beratungskompetenz verstecken müssen
- Unzweckmässige Aufbau-, Ablauf und Kontrollorganisationen
Das, koste es was es wolle, von Herrn Strahm vorgebrachte Reparaturdienstverhalten bei Abweichungen von einer bereits fehlgeschlagenen Konzeption, ist unter den Fehlern bei der Steuerung komplexer Systeme ein lehrbuchmässiger Klassiker.
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