Pensionskassenexperte beweist: die geplante Rentenkürzung ist überhaupt nicht notwendig

Impressum: Interview mit Pensionskassenexperte Herbert Brändli (HB), am 21. August 2003 in BlickWirtschaft, Seite 9, von Silvio Bertolami (SB), Autor BLICK/SonntagsBlick

Runter mit dem Umwandlungssatz, runter mit den Renten! – Was Rentenanstalt, Winterthur und andere Versicherer planen, stösst bei Pensionskassenexperte Herbert Brändli auf harsche Kritik.

Je kleiner der Umwandlungssatz, desto kleiner die Jahresrente.

Umwandlungssatz, was ist das? – Angenommen, jemand hat zum Zeitpunkt der Pensionierung ein Alterssparkapital von 500 000 Franken. Dann erhält er heute eine jährliche Rente von 36 000 Franken – nämlich 7,2 Prozent der angesparten Summe. Die 7,2 Prozent sind der Umwandlungssatz.

Die grossen Versicherer wollen ihn auf Anfang 2004 senken – auf 5,8 Prozent und noch tiefer. Käme er auf 5,8 Prozent zu liegen, wäre die Rente statt 36 000 nur noch 29 000 Franken – eine Einbusse von satten 19,5 Prozent.

KMU-Pensionskasse zeigt Versicherungskonzernen, dass es auch anders geht.

SB: Die Versicherungen wollen den Umwandlungssatz von 7,2 Prozent auf weit unter 6 Prozent senken? Ist das nötig?

HB: Eine gut geführte Pensionskasse oder Sammelstiftung muss das nicht machen. Die Begründung für die Senkung: Die Rentner leben länger. Doch das ist nichts Neues.

SB: Sie sind Präsident einer versicherungsunabhängigen Sammelstiftung, der über 200 KMU angeschlossen sind. Was passiert bei ihr?

HB: Wir senken den Umwandlungssatz nicht. Das heisst, dass es auch unnötig ist, die Renten zu kürzen.

SB: Unnötig weshalb?

HB: Da wir seit langem wissen, dass die Lebenserwartung steigt, haben wir uns dafür gewappnet – wie jede vernünftige Stiftung.

SB: In welcher Form?

HB: In Form von Rückstellungen. Auch die Versicherungen haben in der Vergangenheit Beiträge erhoben, um Rückstellungen für die höhere Lebenserwartung zu äufnen.

SB: Warum wollen sie jetzt trotzdem die Renten kürzen?

HB: Erstens: Sie haben diese Rückstellungen mit spekulativen Geschäften wieder vertan.

SB: Zweitens?

HB: Zu hohe Kosten. Die Versicherungen sind nicht effizient. Bei unserer Sammelstiftung sind die Kosten nur halb so hoch.

SB: Gibt es weitere Gründe?

HB: Im Umwandlungssatz von 7,2 Prozent ist eine Annahme versteckt: dass das Kapital, aus dem die Renten bezahlt werden, auf den Finanzmärkten angelegt ist und eine Rendite von vier Prozent abwirft. Doch die Versicherungen erzielen die nötige Rendite nicht.

SB: In den letzten zwei Jahren holte praktisch niemand vier Prozent.

HB: Stimmt. Man darf die Altersvorsorge aber nicht so kurzfristig betrachten. Auf längere Sicht erzielt eine gut geführte Pensionskasse durchaus vier Prozent. Sogar ein bisschen mehr. Wenn fünf Prozent erwirtschaftet werden, kann man den Überschuss ebenfalls zur Abdeckung der höheren Lebenserwartung verwenden.

SB: Warum glauben Sie, dass die Versicherungen nicht vier Prozent erzielen werden?

HB: Sie stiegen gross in Aktien ein, als die Kurse schon weit oben waren. Der Börsencrash bescherte ihnen riesige Verluste. Im Tief stiessen sie dann die Aktien ab und füllten ihre Portefeuilles mit Obligationen auf. Jetzt steigen die Zinsen. Das heisst gleichzeitig, dass die Obli-Kurse fallen – nochmals riesige Verluste.

SB: Bei Bundesrat Pascal Couchepin stossen die Versicherungen mit ihren Rentensenkungsplänen auf offene Ohren. Ihr Kommentar?

HB: Damit werden die Versicherungen für ihre schlechte Leistung belohnt. Couchepin setzt sich für die Versicherungsgesellschaften statt für die Versicherten ein. Leider ist auch im Parlament die Lobby der Versicherungen viel zu stark. top ↑

Silvio Bertolami Silvio Bertolami, *1951, lic.rer.pol, BLICK-Autor

Bot-Test (leave blank):