Benchmark Weltwirtschaftswachstum

Trügerische Sicherheit im Finanzsystem

Impressum: erschienen AWP, Nummer 12, 2. Juli 2008. Beitrag von Herbert Brändli, B+B Vorsorge AG, Thalwil

Die Finanzwelt ist heute in einem System gefangen, das sich selbst ad absurdum geführt hat. Die Banken mussten weltweit die höchsten Abschreibungen aller Zeiten vornehmen. Natürlich waren auch Vorsorgeeinrichtungen vom Ausmass der Versäumnisse und Mängel überrascht. Das Risikomanagement, basierend auf der Kapitalmarkttheorie, wird dadurch grundsätzlich in Frage gestellt.

Es beruht auf einer reduktionistischen, rein quantitativen Konzeption als Basis einer Risikohandhabung, deren Untauglichkeit bereits seit dem Börsencrash von 1987, spätestens aber seit der Pleite des LTCM im Jahre 1998 evident ist. Trotzdem hat die Beratungs- und Finanzindustrie bis heute daran festgehalten. Die immer zahlreicheren Consultants und die von ihnen Beratenen konnten sich im Schadenfall einfach hinter mathematischen Sinnlosigkeiten verschanzen und damit jeder Verantwortung entziehen. Kapitalmärkte können mit Formeln aber offensichtlich nicht ausreichend beschrieben werden und es ist zu hoffen, dass die Milliardenverluste grundsätzlich neue Sicherheitskonzepte anstossen.

Partizipation am Weltwirtschaftswachstum

Auch das Pensionskassensystem ist fest im Griff einer verfehlten Risiko- und Sicherheitskonzeption. Dem Vorsorgekapital erwachsen dadurch zulasten der Destinatäre horrende Opportunitätsverluste. Dass dies von den Betroffenen so ruhig hingenommen wird, ist tragisch, erstaunt jedoch nicht. Die unheilige Allianz von Gesetzgeber, Beratungsindustrie und Produzenten von Vorsorge- und Anlagelösungen hat ein massives Interesse an der Beibehaltung des Status Quo. Gegen den damit verbundenen, tendenziösen Umgang mit Wissen haben die Verantwortlichen Organe in der Regel keine Chance. So wird gerade jetzt unter dem Titel des ökonomischen Deckungsgrades der Trend in Richtung Nullrisiko mit versicherungsmässigen Garantien zementiert. Dass dabei die Maximierung der Altersleistungen zur Nebensache gerät, ist bitter. Das grösste Risiko der Pensionskassen besteht heute darin, mit geringer Volatilität in Unterdeckungen abzugleiten.

Risiko- und Kapitalmanagement

Die Steuerung von Risiko und Kapital nimmt bei Vorsorgeeinrichtungen eine Schlüsselrolle ein. Hauptziel sind kontrollierte Leistungsvorgaben und die Gewährleistung einer adäquaten Finanzierung und Kapitalausstattung. Mit einem professionellen Risiko- und Kapitalmanagement als integrierten, bereichsübergreifenden Prozess, können Chancen und Risiken frühzeitig identifiziert, analysiert und Massnahmen zur Risikostreuung und -beherrschung definiert werden.

Das Umfeld von Vorsorgeeinrichtungen kann in vier hauptsächliche Risikoklassen unterteilt werden:

  • Vorsorgerisiken
    Die Vorsorgerisiken umfassen strukturelle Abweichungen vom Äquivalenzprinzip wegen Tod, Invalidität und Lebenserwartung einerseits sowie Fehlentwicklungen von Beiträgen und Erträgen anderseits.
  • Anlagerisiken
    Anlagerisiken umfassen temporäre und/oder strukturelle Abweichungen vom finanziellen Gleichgewicht wegen Schwankungen bzw. Fehlentwicklungen von Vermögen und Erträgen.
  • Liquiditätsrisiken
    Liquiditätsrisiken ergeben sich durch unerwartete finanzielle Verpflichtungen aus dem Leistungsdienst (Kapital- oder Freizügigkeitsleistungen) sowie bei Überträgen auf andere Vorsorgeeinrichtungen infolge von Liquidationen oder Teilliquidationen.
  • Operationelle Risiken
    Operationelle Risiken sind die Folgen aus Unzulänglichkeiten von Prozessen, Dienstleistungsanbietern und Mitarbeitenden, von externen, unkontrollierbaren Ereignissen sowie wegen aufsichtsrechtlichen Sanktionen aufgrund der Nichteinhaltung von Vorschriften.

Management der versicherungstechnischen Risiken

Die versicherungstechnischen Risiken können anhand von biometrischen Erfahrungszahlen und dem technischen Zins quantifiziert und mit entsprechenden Beiträgen finanziert werden. Die Differenz der mit diesen Parametern bewerteten Leistungs- und Beitragsversprechen entspricht dem Deckungskapital, dem zentralen finanziellen Steuerungselement einer Pensionskasse.

Risiken können minimiert, mit Reserven abgedeckt oder, wie beispielsweise Todesfall- und Invaliditätsrisiken, versicherungsmässig ausgelagert werden. Zur Absicherung von Schwankungen um das Deckungskapital wie auch zur Finanzierung der zunehmenden Lebenserwartung werden in der Regel separate Reserven gebildet. Aufgrund von biometrischen Erfahrungszahlen kann angenommen werden, dass die Lebenserwartung bis auf Weiteres im bisherigen Rhythmus ansteigen wird. Dem deswegen gegenüber den technischen Grundlagen gesteigerten Kapitalbedarf kann entweder mit einer Reduktion der Leistungen (Senkung Umwandlungssatz) oder mit Überschusserträgen begegnet werden. Bei einem technischen Zins von 4 % sind hiefür rund 0,2 % Zusatzerträge ausreichend.

Management der anlagetechnischen Risiken

Man kann zwischen strukturellen und vorübergehenden Abweichungen des Vermögens vom Deckungskapital unterscheiden. Die Vermögensanlage sollte so gewählt werden, dass mit den erwirtschafteten Erträgen und Reserven

  • langfristig die Verzinsung der gebundenen Mittel zum technischen Zins sichergestellt ist (strukturelle Risiken) und
  • kurzfristige anlagetechnische Schwankungen überbrückt werden können (temporäre Risiken)

Mit einem Verzicht auf versicherungsförmige Garantien für die Altersvorsorge können Vorsorgeeinrichtungen ihre Kosten reduzieren und problemlos einen technischen Zins von 4 % einsetzen. Für dazu nachhaltig erzielbare Erträge von 4,5 %, muss die Kapitalanlage renditeorientiert sein, was kurzfristig automatisch mit einer höheren Volatilität und nach gängigen Vorstellungen mit höheren Risiken einhergeht. Bei langfristiger Betrachtung verlieren Volatilitäten aber ihre Bedeutung. Bereits für Perioden ab 5 Jahren sind Schwankungen von Aktien mit derjenigen von festverzinslichen Anlagevehikeln vergleichbar.

Versicherungstechnisches Gleichgewicht

Für eine ausgeglichene versicherungstechnische Bilanz muss das verfügbare Vermögen mindestens dem Deckungskapital entsprechen. Wäre es kleiner, bestünde eine Unterdeckung. Diese kann ein temporäres finanzielles Ungleichgewicht beschreiben und darf darum nicht einfach mit einer unvollständigen Kapitaldeckung gleichgesetzt werden. Letztere besteht nur, wenn der vereinbarte Beitrag, zusammen mit dem langfristigen Ertrag nicht ausreichen sollte, die übernommenen Leistungen im Laufe eines Lebenszyklus auszugleichen.

Die technischen Annahmen und das Risikomanagement haben grosse Wirkung auf die Verteilung der Vorsorgevermögen. Damit ein verträglicher Generationenausgleich sicher gestellt ist, sollte der Deckungsgrad langfristig nicht allzu hoch gehalten werden. Die Absicherung von erwirtschafteten Mitteln ist kein Ziel sondern lediglich eine wichtige Rahmenbedingung für Pensionskassen. Ihr Auftrag lautet maximale Leistungen für die Vorsorgenehmer zu produzieren und ihnen eine gute Betreuung zukommen zu lassen.

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