Unwirksames Diversifikationsprinzip?

Impressum: von André Kohler, Mitglied der Geschäftsleitung der B+B Vorsorge AG, 8800 Thalwil, 15. August 2009

Seit längerem setzen wir uns kritisch mit den Auswirkungen defizitärer Konzeptionen in der Vermögensverwaltung auseinander (*); der Klärungsbedarf hat als Folge der jüngsten Marktkorrekturen zugenommen. Oft wird derzeit die Frage gestellt, ob angesichts der heftigen Schwankungen der Portfoliowerte das Diversifikationsprinzip versagt habe.

Wirksames Prinzip

Das Prinzip der Diversifikation als eines der beiden in der Natur grundsätzlich existierenden Verfahren der Risikobewirtschaftung kann nicht versagen. Die Aufteilung des Gesamtrisikos auf mehrere, voneinander möglichst unabhängige Risikoträger wirkt immer, es sei denn, bei der Anwendung werde gepatzt.

Patzer

Die heute gebräuchliche Diversifikationsbetrachtung ist auf den immer noch dominanten Risikobegriff der «Modernen Portfoliotheorie» (MPT) ausgerichtet: Wertschwankungspotenzial bei gegebenem Ertrag. Leider ist dieses in der Regel nicht relevant und wird zudem methodisch falsch erhoben.

Relevant ist für den Kapitaleigner die Gefahr, Verluste auf dem Anlagesubstrat zu realisieren und so seine finanzielle Leistungsfähigkeit graduell bis hin zur Zahlungsunfähigkeit zu schädigen. Portfoliovolatilität an sich hat keine Auswirkungen auf dieselbe und ist daher für ein Investmentportfolio bedeutungslos. In diesem Fall sind Massnahmen zu ihrer Minimierung ein unnötig erworbener Put, welcher kurzfristig die Nerven zulasten des langfristigen Ertrages schont. Zu Recht wird kein Destinatär je dankbar dafür sein, dass sein dürftiges Alterskapital schwankungsminimiert geäufnet wurde.

Das Versagen des Diversifikationsdispositives beruht auf methodischen Defiziten der MTP-basierten Optimierung und zeigt sich in bewegten Märkten durch steigende Korrelationen. Die dafür verantwortlichen Modellfehler zeugen von unzureichender Erfassung der Realität. Falsch ist zunächst die Annahme, Kapitalmarkterträge würden über die Zeit kontinuierlich und normalverteilt anfallen, ebenso die damit implizierte Unterstellung, die verwendeten Zeitreihen seien statisch und stationär. Es ist bereits bekannt, dass ihre Verteilungen besser mit Exponentialfunktionen zu beschreiben sind und dass für einen Teil von ihnen aufgrund ihrer Seltenheit keine Wahrscheinlichkeiten bekannt oder existent sind. Bedeutende Fehlerquellen sind sodann unterschiedliche, unkompatible Herkunft und Erhebungsperiodizitäten der benutzten Daten.

Sachzwänge

Der Status Quo lebt davon, dass verbesserte Alternativen nicht in Sicht sind. Einerseits stellt die Standardversion des MPT-Konzepts die Grenze der Fassbarkeit für die meisten Beteiligten dar, andererseits ist dieser die Grundlage der äusserst profitablen industriellen Vermögensverwaltung. Mit dem Begriffspaar Risiko/Ertrag werden zudem verkaufspsychologisch genial die beiden stärksten Urtriebe des Menschen adressiert, so dass der systemimmanente «Volatilitätsput für jedermann» ein Verkaufsschlager bleiben wird.

Fazit

Das Prinzip der Diversifikation funktioniert; bei seiner Anwendung erntet man jedoch das gesähte Unkraut. Wegen des Mangels an industriell praktikablen Alternativen werden auch in der nächsten Krise dann steigende Korrelationen zu beobachten sein, wenn das Gegenteil am nötigsten wäre.

Entgehen kann dem, wer sich aktiv und mit hoher Sachkenntnis in die Prozesse einbringt. Gutes Verständnis der Verpflichtungen wirkt Fehleinschätzungen von Strukturtrends und damit verbundenen Ertrags- und Liquiditätsproblemen entgegen. Kurze und einfache, aber dafür häufigere Fortschrittskontrollen decken Fehlentwicklungen zeitig auf. «Innovative» Konzepte sind genau auf die unterstellten Annahmen, die verwendeten Daten und die offenen und versteckten Kosten hin zu prüfen. Die einfachsten Anlageinstrumente sind die besten. Sie sind verständlich, kostengünstig und bewahren ihr Ertragspotenzial auch in der Krise. Möglicherweise liegt das resultierende Portfolio nicht auf der Markowitz’schen Effizienzgrenze. Dafür ist es realitätsgerecht, im Sinne der Definition diversifiziert und verkraftet das naturgemässe Auf und Ab der Börsen unbeschadet, um seinem Eigentümer die hohen Ertragspotenziale langfristiger Kapitalanlage zu sichern.

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* «Prognosemodelle auf dem Prüfstand», FuW 11.2.09 – Zurück zum Text

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