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Kreditspreads in Energieanleihen: das erste Wölkchen am Horizont?

Impressum: Autorin ist Christina Böck – Erschienen am 21. Juli 2017 auf www.finanzen.ch.

Die Märkte befinden sich in einer Phase von weiter steigender, aber nicht euphorischer Kursentwicklung. Da beginnt so mancher, sich über eine eventuelle Blasenbildung Sorgen zu machen.

Auch die Risikoprämien von Unternehmensanleihen, die Kreditspreads, sind auf einem sehr niedrigen Niveau angelangt und die Preise von Unternehmensanleihen sehr hoch. Nur durch ein wenig Unruhe im Ölpreis wurde kürzlich dieser Frieden gestört und die Risikoprämien weiteten sich wieder leicht aus. Allerdings nicht genug, um als deutliches Kaufsignal zu erscheinen.

Nicht nur das Niveau der Kreditspreads an sich ist ein interessanter Indikator, sondern weitere Kennzahlen ziehen die Aufmerksamkeit auf sich. So erreicht die Dispersion der Kreditspreads ebenso historische Niedrigrekorde. Bei der Dispersion handelt es sich mathematisch um den Unterschied zwischen dem höchsten und dem niedrigsten Wert eines Indikators. In der Interpretation gibt diese Zahl also an, inwiefern die Marktteilnehmer alle Titel eines Marktsegmentes oder einer Anlageklasse ungefähr ähnlich bewerten.

Die Tatsache, dass alle Unternehmensanleihen vom Markt so ähnlich positiv bewertet werden macht es für Portfolio Manager schwierig, eine Überperformance zu generieren. Denn dafür unterscheidet sich die Rendite verschiedener Titel schlicht nicht genug. So müssen immer grössere Wetten eingegangen werden – bzw. es müssen immer grössere Risiken genommen werden. Das heisst, dass aktive Manager wahrscheinlich durchschnittlich schlechtere Kreditqualitäten akzeptieren, als sie es sonst täten, um wenigstens die laufende Rendite ihres Portfolios zu verbessern.

Ein Sektor nimmt in diesem Umfeld eine besondere Bedeutung ein: Die Anleihen von Unternehmen des Energiesektors stellen einen grossen Anteil der Anleihen unterhalb vom Investment Grade Rating dar. In den ersten vier Monaten des Jahres verlief sowohl der Ölpreis als auch die Bewertung von Unternehmensanleihen im Energiebereich recht unaufgeregt. Im Mai wurde hingegen der Ölmarkt nervös und er begann, ein Absinken der Nachfrage nach Rohöl zu fürchten, was zu sinkenden Preisen führte. Auch scheint der Markt die Möglichkeit erneut steigender Schieferölproduktion sowie ein Nachlassen der Produktionsbeschränkungen durch die OPEP zu antizipieren. Auffällig ist, dass trotz dieser Sensibilität die Vorhersagen der allermeisten Banken weiterhin eine sehr gute Performance von Unternehmensanleihen antizipieren. Hier erscheint der Konsensus nun unverhältnismässig positiv. Aber genau, wenn alle optimistisch sind, sind die Märkte anfällig für negative Überraschungen.

Als Investor sollten diese Zeichen zur Vorsicht aufrufen. Ist die gleichlaufende Performance der Kreditanleihen nicht ein starkes Anzeichen für übertriebenen Optimismus? Oder handelt es sich um ein Symptom des Renditenotstandes, also des Niedrig – oder Tiefzinsumfeldes? Im Resultat scheint nun der bis kürzlich als sicher geltende Bereich der Kreditanleihen eher überbewertet. Denn Vorsicht heisst Differenzierung – also eine stärkere Unterscheidung zwischen den Titeln, die die Marktteilnehmer heute nicht mehr vornehmen.